Wednesday, September 01, 2004

Lieber Sprüh statt Roller

Circuit llarg dels llacs de Colomers


Das wandelnde Schuhgeschäft


Im August 2004 machte ich einen Ausflug mit Elisabet im Vall d’Aran, ein Tal Kataloniens das nur über zwei Landstrassen mit Spanien verbunden ist. Eine führt über einen mehr als 2000 Meter hohen, im Winter schneebedeckten Pass (Port de la Bonaigua), die andere durch den Tunnel de Vielha, der sich in einem für manche Personen angsteinflössenden Zustand befindet und als einer der unsichersten Tunnels Europas gilt. Ich weiss nicht ob es der unsicherste Tunnel ist, den ich kenne, jedoch ist es mit Abstand der engste. LKW haben vor den beiden Eingängen auf einem speziellen Seitenstreifen zu warten, da sie ihrer Breite wegen immer nur im Stundentakt alternierend durch den Tunnel gelassen werden. Ich mag den 70 Jahre alten Tunnel, da es aufregende 5 km sind und eine weitere Abwechslung auf dem imposanten Weg durch die Berge. Der neue Tunnel befindet sich übrigens bereits im Bau und wird wohl ab 2007 in Betrieb gehen.

Gut, wir kamen nachts durch den Tunnel ins Tal und fuhren durch Vielha hindurch nach Arties wo wir in einer regnerischen Nacht auf einem Campingplatz zelteten. Direkt neben unserem Zelt rauschte ein Gebirgsbach.

Morgens machten wir uns nach dem Frühstück auf zum Parkplatz wo wir das Auto liessen und gingen zunächst den schönen und abwechslungsreichen Waldweg entlang zum Refugio Colomers, das eindrucksvoll direkt neben einem Staudamm liegt. Für Gebrechliche gibt es auch die Möglichkeit das erste Stück mit einer Art Taxiservice zu meistern, oder aber die Taxipiste entlangzuwandern, wobei die jedoch wesentlich langweiliger und weniger schön ist als unser Waldweg. Bis zur Hütte dauerte der Weg etwa 2,5 Stunden während derer das Wetter uns zwang so ziemlich all unsere Kleidung im Rucksack zu benutzen: nach dem relativ kühlen Morgen (Fleecepulli) wurde es schnell sehr warm (T-Shirt), dann fing es stark an zu regnen (Regenkleidung), dann kam wieder die Sonne hervor um uns zu braten (T-Shirt), und schliesslich wechselten sich Sonne und Regen ab, so dass ich beschloss wegen der Hitze auf die Regenjacke zu verzichten und mich lieber nassnieseln zu lassen.

Links vor dem Staudamm, der wie eine Wand vor einem erscheint führt ein steiler Weg hinauf. Oben angelangt geht es über den Staudamm hinüber zur Hütte. Auf diesen Weg sollte man bei einem Gewitter jedoch wahrscheinlich lieber verzichten, da man auf dem Damm der höchste Punkt ist und links und rechts von eisernen Geländern umgeben.

Von der Hütte aus kann man unter Anderem zwei Rundwege gehen, die beide an einer Vielzahl kleiner Seen entlanggehen, wobei einer wesentlich länger ist als der andere. Wir entschieden uns, den längeren Weg in uns logischer erscheinender Richtung zu gehen, nämlich entgegengesetzt der Markierungen und von der Hütte aus gesehen auf der anderen Seite des Dammes beginnend. Obwohl man selbst den längeren der beiden Rundwege bequem an einem Tag schaffen kann, hatten wir ein Zelt dabei, und wir planten, uns 2 oder 3 Übernachtungen zu gönnen.

Es hatte nun aufgehört zu nieseln, jedoch hatte der Himmel einen Regenwetteraspekt. Eine graue durchgehende Wolkendecke.

Am ersten Tag erkundeten wir mehrmals etwas kleinere Wege, die unseren Weg verliessen und zu noch verlasseneren Gegenden und noch mehr kleinen Bergseen führten. Jeder dieser Seen ist wunderschön eingebettet in grüne Gräser und Felsen. Ein Weg brachte uns zu einem Felsen, der wie eine kleine Insel in einem Bergsee lag, zu der man aber problemlos durch ein kleines sumpfiges Gebiet mit ziemlich hohem Gras gelangen konnte.

Die Felseninsel mit Elisabet winkend obendrauf. Man beachte den herrlich himmelblauen blauen Himmel.


Das Zelt schlugen wir dann nachmittags auf einer Wiese auf einer anderen, grösseren Insel etwas abseits vom Rundweg auf. Um auf diese Insel zu gelangen, mussten wir einen Fluss überqueren. Wie so oft in den Bergen gab es dafür keine Brücke, sondern ein paar grosse Steine. Man hüpft dann von einem zum anderen, gut darauf achtend nicht auszurutschen, und schwupps ist man drüben. Elisabet brauchte zwar etwas länger, kam aber auch trocken rüber.
Lisa in Zelt auf Wiese auf Insel in See

Als wir uns am nächsten Morgen für den Aufbruch vorbereiteten stand zunächst der Akt persönlicher Körperhygiene an. Für mich reduziert sich selbige in den Bergen aufs Zähneputzen und ein wenig kalten Wassers im Gesicht. Elisabet sah das zu jener Zeit noch anders, und als sie ihren Deoroller öffnete, da schoss selbiger ihr mit einem PLOPP die Rollerkugel mitten aufs Auge. Das war zunächst überraschend und ich fands ehrlich gesagt auch sehr lustig, doch laut Elisabet handelt es sich um ein eher unangenehmes Gefühl, wenn das Auge wegen der parfümierten Chemikalien rot wird und sich ein brennendes Stechen einstellt. Wie auch immer, sicher gab es weit und breit kein besser riechendes Auge als ihres.

Wegen des gereizten Auges konnte Lisa zunächst keine Kontaktlinsen tragen und musste als Notlösung zur Brille greifen, die sie so gut wie nie trägt. Und da man sich bei einer plötzlichen Umstellung von Kontaktlinsen auf Brille wohl erst wieder an die Brille gewöhnen muss, ging es erstmal bedeutend langsamer voran. Die Flussquerung dauerte laaaaange, da Lisa wohl alles irgendwie schief sah uns sich nicht ihrer Trittsicherheit sicher war.

Endlich drüben waren genügend Zeit und Lust vergangen um wieder auf Kontaktlinsen umzusteigen. Wir suchten den Felsen, der einem Badezimmerspiegelschrank am ähnlichsten sah und Lisa bereitete den Wechsel vor. Hände waschen mit Spezialdesinfektionsfeuchttaschentüchern, Linse richtigherum auf die Fingerspitze, zum Auge führen, vorsichtig, Auge anvisieren und wutsch – ein Windstoss der die Kontaktlinse wegbliess. Oh nein.

Ich sah zum Glück ganz genau, wo die Linse hinfiel. Doch sie war trotzdem weg. Wir suchten erst dort, wohin ich sie fallen sah, alles ganz genau ab. Dann drumherum, dann aus anderem Blickwinkel, dann darum drumherum, dann überprüften wir ob sich die Linse in den Grashalmen verfangen hatte....keine Chance, die Linse war spurlos verschwunden. Gewiss wurde sie hinweggebeamt oder es geschah einfach etwas Unerklärliches.

Also doch mit Brille, ging nach einiger Zeit auch. Wir setzten den Weg, immer mal hier und da etwas forschend, bis zu der Stelle fort, die am weitesten vom Ausgangspunkt entfernt war. Jetzt hätte ich eigentlich gern den „Gran Tuc de Colomers“ bestiegen, einen 2900er aber das Wetter sah leider alles ander als vielversprechend aus. Wir beschlossen, uns den Berg für den Folgetag aufzubewahren und uns zunächst lieber einen Zeltplatz zu suchen. Vom Weg aus gesehen hinter einem Felsen fanden wir den perfekten Platz. Wir hatten Sicht über eine Vielzahl von Seen hinweg, das Tal hinunter bis zur Berghütte, die man gerade noch so ausmachen konnte. Links wurde das Tal durchs „Creu de Colomers“ begrenst, ein etwas rundlicher Bergrücken über dan man ins Nachbartal zur „Restanca“-Hütte gelangen kann, rechts eine unüberwindbare schwarze Felsmauer. Hinter uns, wenn man den Felsen etwas hochkletterte, sah man eine eindrucksvolle Bergkette die eine massive Mauer mit dem Gran Tuc als höchsten Punkt bildete.

Der perfekte Zeltplatz, denn hier würde uns garantiert keiner finden – tagsüber zu zelten ist schliesslich nicht gern gesehen und wir wussten nicht, und wissen es noch immer nicht, ob wir uns bereits im „Aigüestortes“-Nationalpark befanden.

Um uns nicht den Rest des Tages zu langweilen machten wir einen kleinen 2600er Gipfel, der einzige, der uns vom Zelt aus ein bisschen die Sicht versperrte. Ein neuer Höhenrekord für Elisabet!

Am nächsten Tag war das Wetter zwar nicht besser, doch wir wagten es trotzdem den Aufstieg anzugehen. Nachdem die Vegetation aufhörte kamen grosse Felsbrocken, später das ein oder andere kleine und ungemütliche Schotterfeld. Un mit jedem Schritt ein neuer Höhenrekord für Lisa. Unser Weg, den hellblauen Markierungen folgend, entfernte sich vom Weg, den uns die Karte vorschlug, und letztendlich führte er uns auch nicht zum Gipfel, sondern zu einem Pass, durch den hindurch man in das nächste Tal gelangte, das nun ganz gewiss zum Nationalpark gehörte. (Ich glaube heute, der Weg ging zur „Saboredo“-Hütte, dass müsste ich aber nochmal nachprüfen)
Blick vom Schotterfeld hinab aufs Tal. Bei ganz genauem Hinschauen (nach Vergrössern des Bildes) kann man vielleicht die Berghütte knapp oberhalb der Bildmitte sehen.

Um zum Gipfel zu gelangen mussten wir nun das stark abfallende Geröllfeld unterhalb des Gran Tucs kreuzen, wobei Elisabets Motivation, und ihr Vertrauen in mich als Führer (verständlicherweise) stetig nachliess. Eigentlich hätten wir so den auf der Karte eingezeichneten „Weg“ kreuzen sollen, jedoch sah ich keine Möglichkeit die steile Wand zu unserer Linken zu erklimmen. So kamen wir auf die ander Seite, wo sich vor uns ein relativ steiler Einschnitt im Felsen offenbarte, durch den man die letzten paar Meter zum Grat emporklettern konnte. Ausserdem wurde es nun schnell immer nebliger. Ich liess Lisa unten warten und kletterte zunächst allein los, doch noch bevor ich über den Grat gucken konnte verliess sie der Mut. Zwar hätte ich zu gern erfahren, ob ich nur noch eine Minute davon entfernt war einen Weg zum Gran Tuc auf dem Grat zu finden, doch zwang uns das Wetter eh zur Umkehr.

Wieder am Zelt angekommen war das Wetter zwar doch nicht schlechter, jedoch war es kälter. Wir mummelten uns in voller Kleidung in die Schlafsäcke und schliefen ein.

Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Jemand hatte unser Zelt gefunden und stand nun direkt davor. „¿Hola?“ und es folgte etwas auf Französisch. Ich weckte Lisa, wir krochen aus dem Zelt hervor und wir sahen ein Paar mit Kind, das sich offensichtlich verlaufen hatte. Während Lisa ihnen auf französisch sagte, dass der Rundweg nur etwa 30 Meter hinter jenem Felsen liegt, da merkte ich irgendwie, dass die anderen Deutsch waren. Ab hier sprachen wir deutsch miteinander.

Irgendwie wussten sie nicht was sie wollten, vielleicht irgendwie ins andere Tal zur Restanca-Hütte, doch da waren sie schon recht weit vom richtigen Weg ab. Ausserdem waren sie lediglich mit einer Strandmuschel ausgerüstet auch nicht besonders gut auf schlechtes Bergwetter vorbereitet...wir halfen ihnen so gut es ging und sie machten sich auf irgendeinen Weg.

Auch wir nutzten die Gelegenheit zum Zeltabbau und machten uns auf in Richtung Berghütte. Gleich zu Beginn trafen wir auf drei sympatische Bergwanderer, die am gleichen Morgen in Tarragona, aufgebrochen waren, zum Parkplatz gefahren waren, zur Hütte gegangen waren und von dort aus bereits die Hälfte des grossen Rundweges gemacht hatten. Die Verrückten sagten uns, sie wollen noch am gleichen Tag wieder nach Tarragona zurückkehren. Allein für die Autofahrt brauchten sie wahrscheinlich schon 10 Stunden. Sie machten jenen Ausflug übrigens um mal wieder „die Batterien aufzuladen“.

Durch die fehlgeschlagene Besteigung des Gran Tucs hatte ich leider ein wenig die Berglust verloren und hatte Lust wieder Richtung Hütte zu gehen. Eisabet wollte dort oben gern noch eine Nacht zelten, doch wir fanden trotz halbherzig durchgeführter Suche keinen geeigneten, abgelegenen Zeltplatz. Später, als wir an der Hütte ankamen sahen wir, dass viele Leute ihre Zelte selbst an total offensichtlichen Stellen aufgebaut hatten aber das macht man doch nicht.

Naja, ich überredete Lisa dazu wieder nach Arties zu gehen/fahren und die Nacht auf dem Campingplatz zu verbringen. Mit einer Einladung zum Abendessen bakam ich sie auch rum und so gingen wir weiter runter zum Auto. Diesmal nahmen wir die Taxiroute auf der Piste entlang, da wir uns ohne Licht im Wald wahrscheinlich verlaufen hätten.


Anmerkung: Der Titel dieses Textes ist zwar korrekt, man solle in den Bergen lieber zu Deospray statt zu Rollern greifen um oben beschriebene Unfälle zu vermeiden, jedoch ist es noch viel angebrachter aus mindestens zwei Gründen komplett auf Perfume zu verzichten:

  • Gewichtersparnis

  • Olfatische Belästigung

Während Punkt 1 sofort klar sein dürfte möchte ich Punkt 2 kurz etwas genauer erklären. Nach Deobenutzung riecht man, die Mehrheit der Europäer wird da zustimmen, angenehm. In den Bergen jedoch erzielt man den gegenteiligen des erwünschten Effekts. Da die grosse Mehrheit der Bergmenschen während der Ausübung ihres Hobbies auf Deos verzichtet wird ein Deobenutzer sich leicht von ihrem Geruch belästigt fühlen, da dieser in starkem Gegensatz zum eigenen angenehmen Geruch steht. Ganz besonders gilt dies in den Schlafsäälen der Berghütten, in denen man sich durchaus mit 20 wildfremden, stinkenden, verschwitzten Peronen zusammengepfercht in einem stickigen Schlafsaal wiederfinden kann. Ein Nichtdeobenutzer adaptiert sich während des Bergwanderns an den eigenen ekelerregenden Geruch, so dass er selbst die infernalen Bedingungen des Schlafsaales ohne psychische Folgeschäden übersteht. Eventuelle physische Schäden sind für Deobenutzer und uns Stinker dieselben.
Ich war noch gar nicht zu sehen.

0 Comments:

Post a Comment

<< Home