Tuesday, June 14, 2005

T1 - Cueva Santa Elena

Am Freitag den 10.06. war es dann wieder soweit. Wie bereits für meinen Ausflug nach Cantabria hatte ich all meinen Kram (zum ersten Mal einen eigenen, niegelnagelneuen Helm und einen eigenen „Caburer“) bereits am Donnerstag Abend gepackt um ihn Freitag mit zur Arbeit zu nehmen. Diesmal erwartete mich meine erste Integralhöhle, soll heissen, der Ausgang ist ein anderer als der Eingang, man braucht nicht wieder hochzuklettern muss aber die ganze Zeit über all das Material mitschleppen. Die Travessa vom Eingang „T1“ zum Ausgang „Höhle Santa Helena“ sollte laut Beschreibung für 4 Personen 10 bis 12 Stunden dauern.

Um 18.30 wurde ich von Roe, Jordi, Castaño und Patricia abgeholt, wir sackten danach noch Edu ein und fuhren zum „Parque Nacional de Ordesa“ (in dessen französischem Teil ich zwei Wochen zuvor zum Bergwandern gewesen war). Wir hielten in einem preiswerten Restaurant zum Abendessen an, das uns sehr langsam bediente und kamen so erst um ein Uhr morgens auf dem „Camping de Bujaruelo“ an.

Um 8.30 krochen wir aus den Zelten, frühstückten und packten die Rucksäcke für die bevorstehende Exkursion. An Gemeinschaftsmaterial nahmen wir Essen für 6 Personen für 4 Pausen verstaut in wasserdichten Behältern mit, 5 Liter Wasser zum Trinken, Karbit um 2 mal den Caburer aufzufüllen, jeweils ein Seil von 40, 50 und 60 Metern Länge, eine 50 Meter lange Schnur, einen Haufen Karabiner und ein paar Schlaufen. Ein Hammer und Spits (Metallhülsen mit Innengewinde die man in die Wand haut) für den Fall das Instalationen erneuert werden müssten und auch in Plastik eingeschweisste runterkopierte Topografiepläne durften nicht fehlen, ebensowenig wie eine kurze Beschreibung der Höhle. Da Castaño sie jedoch bereits zum 15. Mal machte, und auch Jordi sie bereits kannte planten wir nicht, uns zu verlaufen.

An persönlichem Material nahmen wir all den Kram mit, den wir zum Ab-und Hochseilen barauchen würden: Petzl-Stop mit Schraubkarabiner und eisernem Bremskarabiner, Petzl-Croll mit kleinem Karabiner, den Petzl-Handblockierer zum Seilhochklettern kurze und lange Baga (Erklärung in der Beschreibung der Exkursion zur "Torca del Carlista") jeweils mit Karabiner; Sachen um es schön kuschelig warm zu haben: dicke Socken, Seidenhandschuhe um sie in den „normalen“ Wasserdichten abreibfesten Handschuhen darunterzutragen, einen Fleeceeinteiler mit einem thermischen T-shirt darunter, den Höhlen-PVC-Einteiler und eine Fusion aus Schal und Mütze namens Buff. Dann natürlich den Helm (Petzl) mit zwei getrennten elektrischen Lichtsystemen plus Acetylenbrenner, den Carburer (Petzl), den Klettergurt und einen Brustgurt. Für den zweiten, nassen Teil der Höhle dann einen ärmellosen Neoprenanzug, ein dünnes Neoprenshirt, Neoprenhandschuhe und dicke Neoprensocken um sie in den Gummistiefeln zu tragen. Eine dieser goldsilbernen thermischen Rettungsdecken für den „Fall das“ und einen wasserdicht verschliessbaren Sack um zumindest den Fleeceeinteiler trocken durch das Wasser bringen zu können. Falls uns etwas passieren sollte, hätten wir dann zumindest einen trockenen Fleeceblaumann. Alles was reinpasst in einen nicht wasserdichten Plastikrucksack, den Rest an den Körper geschnürt und los gehts! Uhrzeit etwa 10.45.

Natürlich wie immer bergauf. 2 bis 2,5 Stunden oder etwa 700 Höhenmeter bis zum Eingang de Höhle, die meiste Zeit zum Glück in einem Wald, so dass die Sonne nicht so brannte. Den Eingang zur Höhle bildeten zwei Löcher im Boden. Eins mit etwa 3 m, das andere mit etwa 15 Meter Durchmesser die sich einige Meter weiter unten vereinigten. Das Grosse war mit Schnee gefüllt, und aus beiden kam eisige Luft heraus. Direkt über den Löchern sah man wie die Luftfeuchtigkeit zu nieseligem Nebel wurde.

Wir assen, tranken, zogen uns erst aus und dann warm an und legten Klettergurt und Helm an und Castaño fing an das erste Seil zu installieren, das jedoch zu kurz war, so dass er nochmal hochklettern musste um ein längeres zu installieren. Nachdem Castaño unten war seilte sich Jordi ab und übergab Castaño das nächste Seil. Während Castaño dieses installierte und sich daran abseilte seilte ich mich mit dem 40 m Seil im Rücksack das erste Seil herunter, an Jordi vorbei das zweite Seil runter zu Castaño, übergab es ihm er installierte es und seilte sich weiter ab, dann seilte ich mich ab und zusammen warteten wir auf die über uns, die die Seile mit der Schnur einholten und zu uns aufschlossen. Dabei wurden die Seile immer als erstes nach unten durchgereicht, damit Castaño sie wieder installieren konnte um ein möglichst schnelles Vorankommen zu ermöglichen.

Erwähnenswert ist der Moment an dem das erste Seil eingeholt wird nachdem sich alle abgeseilt haben. Man zieht an der Schnur, das Seil fällt zu Boden und es gibt kein Zurück mehr. Und der nächste Ausgang liegt 558 Meter weiter unten und 3 km weiter vorn. Da wir zu sechst waren rechneten wir mit 12 bis 14 Stunden. Ich war zum Zeitpunkt des Seileinholens schon weiter unten und bekam dementsprechend nichts davon mit. Als ich irgendwann mal nachfragte stand ich vor bereits vollendeten Tatsachen. Aber darum ging es ja schliesslich – oben rein, unten raus.

Wir hatten Schnee bis in etwa 100 m Tiefe, und das, obwohl es wirklich nicht allzu senkrecht nach unten ging. Da die Höle aber mindestens vier Zugänge hat von denen wir den Zweiten von unten nahmen, und zwischen dem obersten und dem untersten Eingang ein Niveauunterschied von über 1200 Metern liegt weht an manchen Stellen in der Höhle ein gehöriger Wind. Besonders in den Engpässen und in der Nähe der Eingänge. Und der Wind weht eben den Schnee in die Höhle hinein. Richtig viel Schnee sogar. Als wir uns das zweite Mal abseilten, taten wir das eine steile Rampe hinunter, die etwa 20 Meter breit war und auf der bestimmt ein Meter Schnee lag. Dementsprechend kalt war es auch.

Zunächst ging es von Abseilung zu Abseilung ohne viel Fussmarsch ziemlich rasch hinab, als der Schnee aufhörte wurde es etwas wärmer, etwa 6 ºC, also noch Grund genug warm angezogen zu sein. Gerade wenn man zwischendurch immer warten muss.

An einer Art dreidimensionaler T-Kreuzung trafen wir auf einen anderen Arm des Höhlensystems der zu den anderen beiden, viel weiter oben gelegenen Eingängen führt. Theoretisch könnte man mehr als 800 m weiter oben in die Höhle gelangen, bis zur Kreuzung vordringen und ab dort den gleichen Weg nehmen der uns noch bevorstand. Dann allerdings müsste man sicherlich ein Bivack einplanen. Da die Verbindung aber erst seit wenigen Jahren bekannt ist, über keine festen Installationen zum installieren eines von unten einholbaren Seiles verfügt, und man sich ausserdem leicht in dem stark verzweigten Höhlensystem verlieren kann wird praktisch nur „unser“ Kurs von Cavern gemacht. In ein paar Jahren vielleicht...

Nach vier Stunden machten wir die erste Pause und sahen, dass wir sehr langsam waren. Wir hatten uns bis dahin nur etwa 230 Meter abgeseilt.

Nach der Pause ging es eigentlich genauso weiter wie zuvor, bloss dass zwischen den Abseilungen auch mal ein paar Schritte gegangen werden mussten. Und die Höhle wurde interessanter: nun wechselten sich schlengelnde Röhren mit grossen Hallen, Engpässen und unendlich hohen Spalten ab. Oft gab es einfach so unendlich tiefe Löcher im Boden die man vermeiden musste und es musste auch der ein oder andere „Angstschritt“ gemacht werden. Das sind für mich die Schritte mit wenig Halt über tiefe Löcher hinweg. Ich war derjenige der sich damit am schwersten tat.

Nun gab es auch immer öfter kleinere Abseilungen von nur 5 – 12 Metern. Die sind besonders ekelig, da wohl davon ausgegangen wird, dass ein Sturz nicht notgedrungen tödlich ist und man es sich sparen kann ein Seil von denen zu installieren, die man bei sich hat. Deshalb nimmt man dann fixe Seile die dort ständig installiert sind und das auch bleiben, und die nach Jahren der Instanz in jener ewig nassen Umwelt absolut kein Vertrauen mehr erwecken. Und da sie mit der Zeit dicker werden laufen sie nicht mehr gut durch den Stop, man muss sie manuell durchstopfen, doch dann laufen sie ruckartig, und am Ende jeden Rucks hat die Belastung des Seiles einen Peak den ich um alles zu vermeiden versuchte. Also gaaanz langsam und flüssig abseilen.
Ein Annäherungsseil um an das Abseilseil zu gelangen hatte einen Knoten mittendrin. Bei genauerem hinsehen sah ich dann, dass es schonmal gerissen war und einfach wieder zusammengeknotet wurde. Ekelig, selbst in nur 9 Metern Höhe.

Eigentlich gab es bis hierhin nur einen einzigen wirklich schönen Abseiler. Etwa 25 Meter total senkrecht freischwebend. Da braucht man sich um nichts zu sorgen, nicht darauf achten wohin mit den Füssen, einfach nur die Geschwindigkeit regulieren und den Ausblick geniessen.

Das letzte Mal Abseilen bevor wir zum zweiten, nassen, horizontalen Teil der Höhle gelangten war etwas Besonderes. Am Ende eines Tunnels öffnete sich eine riesige Halle, jedoch nicht nach oben hin, sondern nach unten. 90 Meter tief, was man wegen der Dunkelheit natürlich nicht sehen konnte. Vom Schall her merkt man aber dass man sich vor einem grossen Nichts befindet. Allerdings wollten wir nicht nur nach unten, sondern über das 90 Meter tiefe Loch hinweg auf eine Felswand etwa 40 m weiter unten und 30 m weiter vorn. Diagonales Abseilen also.
Dazu benutzt man zwei Seile, von denen eines ein fixes ist, das diagonal verläuft. Es hängt unten nicht frei, sondern ist so stramm wie möglich gespannt. Während man sich abseilt hat man den Karabiner einer Baga (am Klettergurt befestigte Strippe) am gespannten Seil, wodurch man durch dieses geführt wird. Statt senkrecht nach unten zu seilen gehts also am gespannten Seil entlang.
Bleibt bloss die Frage wer das Seil gespannt hat und vor Allem WIE er das tat. Theoretisch könnte man sich ja 45 m senkrecht abseilen und dann ein Pendel machen das einem nach vorn auf die Felswand bringt, aber erstens war jene Wande recht weit vorn, und zweitens konnte man nicht pendeln, da man auf der anderen Seite sofort durch de senkrechte Wand begrenzt wurde. Wahrscheinlich also ein Klettercrack.

Achja, und während sich der Vordermann, in meinem Fall Paricia die Vorderfrau, abseilt und sich ihr Licht in der Ferne verliert, da sieht man dann auch die Eindrucksvolle Grösse der Galerie. Natürlich sind 30m oder selbst 90m keine grosse Strecken, doch je dünner ein Seil ist, an dem man hängt, desto länger werden die Meter. Ganz besonders die Höhenmeter.

Von der Felswand ging es weitere 40 Meter nach unten. Dort hörte man bereits den Fluss. Und dort machten wir nach 10 Stunden die zweite Pause. 0.30 Uhr. Nun wurde auch deutlich, dass wir wahrscheinlich nicht schon nach 14 Stunden die Höhle verlassen würden, da uns noch etwa die Hälfte an Zeit fehlte. Vor uns lag zwar nur noch ein Höhenunterschied von 100 Metern, jedoch fehlten noch etwa 2,5 km horizontal, und man hat da nicht gerade eine Autobahn zur Verfügung.

Während wir pausierten wurde uns wieder kalt, und es behagte uns gar nicht, dass wir nun in den nassen Teil der Höhle eintreten würden. Bis zum Ausgang praktisch immer den Fluss entlang, an der einen oder anderen Stelle schwimmend. Ich sagte meinen mich selbst bestärkenden Spruch auf der immer funktioniert („Es ist nicht kalt“) und zog mich aus um mir die komplette Neoprenmontur anzuziehen. Obendrüber das thermische langärmelige Shirt, das ich schon die ganze Zeit trug und obendrüber wieder den PVC-Einteiler, damit der Neoprenanzug meines Arbeitskollegen auch heile bleibt. Alles wieder im Rucksack verstauen und weiter gehts.

Zunächst waren die Gummistiefel noch hoch genug, dann nicht mehr. Jedoch hält Neopren echt warm. Selbst als ich bis zum Bauchnabel im Wasser war wurde es nicht kalt. Roe, der keine Neopreninnenschuhe trug sah das bestimmt anders.

Die Höhle wurde ab hier auch schöner, rundgewaschene Formen, ein mit Kies gefülltes Flussbett und grosse Blöcke um von einem zum nächsten zu hüpfen. Oft war das Waser nur unter den Blöcken zu hören aber die ganze Zeit machte es so viel Lärm, das jegliche Kommunikation nur schwer möglich war. Es gab kleine Wasserfälle und den einen oder anderen grossen Felsen, auf den man mit Hilfe eines fixen Seiles gelangte um sich am anderen Ende an einem anderen fixen Seil wieder abzuseilen.

Es gab hier und dort horizontale Seile an der Wand um nicht im tiefen Wasser schwimmen zu müssen, zu Anfang benutzten wir die noch ordnungsgemäss, eingehakt und sich mit den Füssen so stark von der Wand wegdrückend, dass man über dem Wasser an der Wand entlanggehen kann, dank der strammen Strippen zwischen Klettergurt und Führungsseil. Da es jedoch relativ schwer so vorwärtszukommen zogen wir uns später nur noch vom Wasser aus an ihnen entlang. Wozu hat man schon das ganze Neopren?

An einer Stelle, an der ein grosser Wasserfall hinter einer Kurve sehr viel Lärm machte, war ein Seil an der Decke gespannt. Hier hakten wir eine Baga ein und zogen uns am Seil entlang nach vorn. Ein bischen wie Indianer Jones, bloss das der wohl auch seine Beine noch auf’s Seil gehievt hätte. Wir zogen sie durch’s Wasser hinterher.

Wären wir besser in der Zeit gewesen, so hätte ich mir gern noch den Wasserfall angeguckt aber eigentlich wollten wir alle so schnell wie irgendmöglich wieder raus da.

Irgendwann, nach weiteren Stunden kamen wir dann an eine 20 m hohe Wand, die wir mit Hilfe eines fixen Seiles erklimmen mussten. Das dauerte zwar lange bis wir alle dort oben waren (etwa 1 Stunde), aber wir wussten, dass es sich um den letzten technischen Schritt handelte. Oben angekommen befanden wir uns in einem immer enger werdenden Tunnel in dem es sehr stark windete. Ein etwa 5 m langer Engpass, danach öffnete sich der Tunnel wieder ein wenig um sich abermals zu schliessen. Die letzten 2 m waren die engsten überhaupt: Ein senkrechtes, enges S durch das wir uns durchschlengeln mussten während der Wind an uns vorbeibrüllte.

Und dann sahen wir es: draussen war es bereits taghell. Um 8 Uhr morgens, nach 18 Stunden in der Höhle verliess ich sie als letzter.

Nun erwartete uns nur noch ein halbstündiger äusserst nerviger Abstieg bis zur Piste. Von dort aus konnten wir bereits den Camping sehen und nach 20 weiteren Minuten waren wir dort.

Die Leute da wunderten sich bestimmt nicht schlecht über 6 tierisch dreckige Freaks die morgens zu Fuss zum Camping kamen.

Wir duschten uns lang und heiss und mit viel viel Wasser, frühstückten Spiegeleier mit Speck, tranken einen leckeren Kaffee und gingen um 11 Uhr schlafen.

Um halb eins war es so heiss im Zelt, dass wir beschlossen das Zelt Zelt sein zu lassen und stattdessen schonmal das Material vom Gröbsten reinigten.

Ich schlief dafür die ganze Fahrt nach Hause über.

Das Allerschwierigste an dem ganzen Ausflug lag allerdings noch vor mir: Aus dem Auto aussteigen und die Treppe hoch zur Wohnung gehen. Au, wie mir alles wehtat. Jedoch nicht die Muskeln, sondern nahezu alle Knochen. Die Knie und Ellenbogen weil sie abgewetzt waren, die Hüftegelenke...solang man in Bewegung ist merkt man das gar nicht, aber sobald man kalt ist tun einem die Knochen weh.

Solche Monsteraktionen sind echt lang und man bewegt sich da am Rande des körperlich möglichen, doch würde man sie nicht machen, so bekäme man all die tollen Sachen nicht zu Gesicht. Man könnte natürlich drinnen schlafen, doch dann braucht man wieder mehr Material (Biwacksack, Schlafsack, Essen, Acetylenkohle), und man müsste morgens wieder in die nassen kalten Klamotten. Da man sich nirgens aufwärmen kann wäre das sicherlich auch nicht viel weniger anstrengend, obwohl die Erforschung wirklich grosser Höhlen 2 wöchige Aufenthalte drinnen erfordern. Das allerdings sind dann Leute die einfach anders drauf sind. Nicht solche Warmduscher wie unsereins.

Sodann, Caving ist echt cool.

0 Comments:

Post a Comment

<< Home