Tuesday, September 13, 2005

Monte Perdido - Brief an meine Nichte Melanie

02.09.2005 Hi Melanje

Damit Du nicht wieder so über meine Schrift meckerst, gebe ich mir dieses Mal besonders viel Mühe schön und deutlich zu krickseln. Und damit Du Deine kleinen blauen Kulleraugen nicht so überanstrengen musst, schreibe ich Dir auch in schön GROSSER Schrift.

Und weil ich ja so selten schreibe, schreibe ich heute so einen langen Brief, dass Du mit dem Lesen bestimmt einen ganzen Monat brauchen wirst.

Ich werde Dir über meinen letzten Ausflug berichten.

Ich war dieses Wochenende nämlich mal wieder mit Elisabet in den Bergen, dieses Mal in einem Nationalpark namens „Ordesa“. Dort befindet sich der „Monte Perdido“, ein 3355 Meter hoher Berg, der der dritthöchste Berg der Pyrinäen ist. Die Pyrinäen sind das Gebirge, dass die Grenze zwischen Spanien und Frankreich bildet.

Am vergangenen Freitag fuhren wir mit meinem Auto bis in das letzte Dorf vor dem Nationalpark, wo wir auf einem Campingplatz zelteten.

Samstagmorgen regnete es erst in Strömen aber nachmittags wurde das Wetter besser, und wir fuhren mit einem Bus in den Nationalpark. Mein Auto mussten wir auf einem Parkplatz im Dorf stehenlassen, da der Park für private Autos gesperrt ist. Von da, wo wir aus dem Bus geworfen wurden, gingen wir erst 3 Stunden lang durch einen Canyon, was ein riesiger Graben ist, den ein Fluss über Jahrtausende hinweg geformt hat. Am Enden des Canyons ist ein wunderschöner Wasserfall, und links und rechts ragen hohe Felswände auf.

Der Wasserfall "Cola de caballo" am Ende des Tales

Vom Wasserfall aus ging es einen steilen Abhang hinauf, der so steil ist, dass an einigen Stellen Ketten und Eisenstangen an der Wand befestigt sind, die einem als Kletterhilfe dienen. Oben angekommen ging es dann weniger steil bis zur Berghütte auf 2160 Metern Höhe hinauf. Kurz vor der Hütte sahen wir eine rieseige Schafherde. Eine Berghütte ist wie ein Hotel inmitten der Natur, wo man in relativ grossen Schlafsäälen mit vielen anderen Menschen zusammen schläft. An den Tagen, wo nicht so viele Leute Ausflüge in den Bergen machen kann es dann auch sein, dass man den ganzen Schlafsaal für sich alleine hat.

Schafe


Elisabet und ich hatten keinen Schlafplatz in der Hütte reserviert. Um Geld zu sparen und unabhängiger zu sein hatten wir Schlafsäcke und Isomatten dabei. In der Nähe von der Berghütte machten wir einen Biwack in einer kleinen Höhle, in der ich vor einem Jahr schonmal schlief.

Ein Biwack ist wie zelten aber ohne Zelt, sondern mit einem Biwacksack, der gerade so gross ist, dass man mit einem Schlafsack darin schlafen kann. Im Gegensatz zu einem Zelt wiegt der Biwacksack viel weniger und er nimmt auch weniger Platz im Rucksack ein. Der Biwacksack ist ausserdem wasserdicht und man schläft dann auf der Isomatte auf dem Boden, genau wie Du beim Zelten als Du den Schatz suchtest. Und wenn man in einer Höhle biwackt, dann wird man weder vom Wind gestört, noch von Regentropfen, allerhöchstens ab und zu mal von einem kalten Wassertropfen der einem von der Höhlendecke direkt ins Ohr fällt.

Man muss sich vorher natürlich vergewissern, dass die Höhle nicht von einem Bären bewohnt wird.

Da das Wetter aber die ganze Nacht total gut war und es weder windete noch regnete und uns auch kein Bär besuchen kam, schliefen wir letztendlich nicht in der Höhle, sondern vor der Höhle unter freiem Himmel. Wir konnten vor dem Einschlafen wunderbar die Sterne anschauen und sahen sogar zwei Sternschnuppen.

Guten Morgen! Kurz in der Sonne aufwärmen und los gehts!

Am nächsten Tag konnten wir weit und breit keine einzige Wolke sehen und wir packten gleich morgens unsere Rucksäcke. In einem liessen wir all den Kram, den wir nicht brauchen würden um auf den Monte Perdido zu steigen, so wie die Schlafsäcke, die Isomatten, Biwacksack, Regenhosen, den Campingkocher, Taschenlampen und sowas. Jenen Rucksack liessen wir in der Höhle zurück. In den anderen Rucksack packten wir die Sachen, die wir eventuell für den Aufstieg brauchen würden: Regenjacken, einen warmen Pullover für jeden von uns, die Wanderkarte und einen Kompass, Proviant und 2 Liter Wasser. Wir nahmen zunächst auch Eispickel und Steigeisen mit.

Wir dachten ja, dass wir weiter oben Schnee und Eis finden würden aber dieses Jahr ist der Gletscher total abgeschmolzen. In der Berghütte sagte man uns, dass wir weder die Eispickel, noch die Steigeisen brauchen würden. Also liessen wir beides in der Hütte, wodurch der Rucksack nochmal 2 bis 3 Kilo leichter wurde.

Ich weiss nicht, ob Du weisst was ein Gletscher ist. Also, ein Gletscher ist eine grosse Fläche aus Schnee und Eis, die so gross ist, dass sie im Sommer nicht schmilzt. Natürlich schmilzt der Gletscher im Sommer ein bisschen, aber er ist eben so gross, dass er, wenn der Sommer zuende ist immernoch da ist. Und im Winter, wenn es schneit, dann wächst der Gletscher wieder. Wenn ein Gletscher an einem Berghang ist, dann braucht man Steigeisen und einen Eispickel, um über den Gletscher zu wandern. Die Steigeisen sind Eisenkrallen, die man sich unter die Schuhe schnallt, und der Eispickel ist nichts anderes als ein spezieller Spazierstock für Eis. Weil der Sommer dieses Jahr sehr warm war und schon sehr früh begann, ist der Gletscher ganz weggeschmolzen.

Der Aufstieg war natürlich auch ohne Gletscher anstrengend aber trotzdem schön, und auch das Wetter spielte mit, so dass wir nach etwa 3 oder 4 Stunden oben am Gipfel ankamen. Unterwegs sahen wir mehr Wasserfälle und einen kleinen Bergsee, und wegen des guten Wetters auch ganz schön viele andere Bergwanderer. Sogar 3 Kinder zwischen 7 und 10 Jahren machten mit ihren Eltern den Aufstieg.

Im 4. Versuch hat's geklappt. Alles eine Frage der guten Begleitung

Auf dem Gipfel, in 3355 Metern Höhe machten wir ein Picknick und ein paar Fotos bevor wir wieder hinabstiegen. Es gab in eine Richtung ganz viele Wolken, jedoch waren die unter uns, sodass wir sie von oben sahen, wie von einem Flugzeug aus. In der anderen Richtung sahen wir viele andere Berge.

Die "escupidera" von halber Höhe aus mit Blick nach oben

Runter geht es natürlich viel schneller und es ist auch nicht so anstrengend. Nach 2 Stunden kamen wir wieder an der Berghütte an, wo wir einen Kaffee tranken bevor wir wieder zu unserer Höhle gingen um den anderen Rucksack zu holen.

Und so sieht sie von halber Höhe mit Blick nach unten aus. Man sieht den "lago helado" auf fast 3000m Höhe

Dann starteten wir den Rückweg.

Nun ging es von der Berghütte hinab zu der Stelle mit den Ketten und Eisenstangen, wo ich Elisabet ein bisschen beim Hinabsteigen half, dann gingen wir weiter runter zum Wasserfall.

Als wir am Wasserfall ankamen und der Weg etwas besser wurde taten Elisabet die Füsse vom Bergabgehen so sehr weh, dass sie sich erstmal die Wanderschuhe auszog. Sie hatte Blasen an fast allen Zehen. Um ihre Zehen zu schonen zog sie sich Sandalen an. Weil die Zehen in den Sandalen nicht so eingeengt sind konnte sie nun wieder besser gehen, musste jedoch noch besser auf den Weg aufpassen, da man sich mit Sandalen viel leichter den Fuss umknicken kann als mit den hohen Wanderschuhen.

Und wenn man sich in den Bergen den Fuss umknickt oder ihn sich gar bricht, dann hat man ein grosses Problem. Weil es keine Strassen gibt, kann kein Krankenwagen kommen. Und weil man mit dem Handy keinen Empfang hat, kann man keine Hilfe rufen. Man muss also entweder irgendwie weitergehen, oder man muss den Verletzten zurücklassen und Hilfe suchen. Und die Hilfe müsste dann wahrscheinlich mit einem Hubschrauber kommen.

Genau deshalb soll man auch nie alleine in die Berge gehen.

Vom Wasserfall aus gingen wir dieses Mal nicht den gleichen Rückweg durch den Canyon zurück, sondern einen Weg, der oben entlang geht. Dieser Weg nennt sich "Senda de los cazadores" was in etwa Jägerpfad heisst. Während wir dort wanderten sahen wir wilde Bergziegen, etwas ganz Besonderes, was man nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt. Und dann wurde es dunkel.

Foto mit Dirk auf der senda de los cazadores neben Holzknüppel auf Boden

Aber wir wussten bereits vorher, dass wir nicht den ganzen Weg bei Tageslicht schaffen würden. Macht aber nichts, wir hatten ja Taschenlampen dabei. Ehrlich gesagt sind es keine Taschenlampen um sie in der Tasche zu tragen, sondern Stirnlampen, die man sich mit einem Gummiband an der Stirn befestigt. So hat man beide Hände frei und leuchtet immer dahin, wo man gerade hinguckt.

Zwei einhalb Stunden nachdem wir am Wasserfall losgingen kamen wir am Ziel der Etappe an: Eine Aussichtsplattform 700 Meter über dem Punkt gelegen, wo uns am Vortag der Bus hingebracht hatte. Natürlich konnten wir den Busparkplatz nicht sehen, weil es total stockfinster war, aber auf der Wanderkarte sah man, wo sich Parkplatz und Aussichtsplattform befinden. Und obwohl wir wegen der Dunkelheit nicht viel von der Landschaft sehen konnten, so hatten wir doch einen spektakulären Sternenhimmel.

Wir kochten uns etwas zu essen und schauten uns später weiter die Sterne an.

Dann bereiteten wir wieder einen Biwack vor. Dieses Mal stand uns ein kleines Blockhäuschen zur Verfügung, etwas grösser als eine Hundehütte und genau neben der Aussichtsplatform gelegen. Von diesen Häuschen kenne ich 5 Stück in dem Nationalpark. Es gibt in ihnen keinen Luxus, sondern man schläft direkt auf dem Betonboden, aber sie haben vier Wände und ein Dach, so dass man selbst bei schlechtem Wetter gemütlich biwacken kann.

Am nächsten Morgen schliefen wir etwas länger, noch müde von der langen Wanderung des Vortages. Plötzlich hörte ich Schritte ganz dicht neben mir und erschrak mich. Das erste was ich sah war ein freundlicher Herr der selbst etwas erschrocken guckte und „bonjour“ sagte. Das ist französisch und heisst „Guten Tag“. Er wollte sicher nur gucken, wie das Blockhäuschen von innen aussieht und ahnte nicht, dass da drinnen jemand schläft den er aus Versehen wecken würde.

Naja, wo Elisabet und ich schonmal wach waren standen wir auf, packten unsere Sachen, frühstückten ein bisschen und begannen danach den Abstieg. Jedoch nicht, ohne vorher die atemberaubende Aussicht von dem Aussichtspunkt genossen zu haben. Nun konnten wir super den Parkplatz sehen, den klitzekleinen Bus, der neue Touristen in den Park brachte und den Canyon.

Das "Valle de Ordesa"

Der Abstieg ging einen steilen Zig-Zag-Weg hinunter der überhaupt gar kein Ende nehmen wollte. Die ganze Zeit zig nach links und zag nach rechts und zig nach links und zag nach rechts und das so steil, dass uns schon auf halbem Wege die Füsse wehtaten.

Irgendwann kamen wir dann unten am Bus an. Neben dem Busparkplatz ist ein kleines Restaurant, wo wir zum zweiten Mal frühstückten und unsere erfolgreiche Bergbesteigung bei einem Kaffe und etwas Quellwasser feierten.

Dann fuhren wir mit dem Bus zurück ins Dorf, stiegen ins Auto und brummten nach Hause.

Ich lege diesem Brief auch zwei Bonusbilder bei, eins von Elisabet und eins von mir für Dein Reinschreibbuch in das wir reinschrieben.

So, jetzt kannst Du mir mal schreiben. Mich interessiert zum Beispiel ganz doll, wie es Deinem Tamagotchi geht, und wie das neue Schuljahr angefangen hat. Und natürlich kannst Du mir auch auf Englisch schreiben!!

So, jetzt reicht es, ich mache Schluss. Grüsse bitte auch Deine Eltern von mir! Und einen schönen Gruss von Elisabet.

Dein Dik

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