Marroko II - Atlas

Die Fahrt von Marrakech nach Imlil am Dienstag war schön, und komischerweise konnten wir erst kurz vor Imlil die ersten Berge ausmachen, die urplötzlich majestätisch aus dem diesigen Wetter auftauchten. Kurios: die Ausfahrt aus Marrakech war kilometerweit mit äusserst geplegten Parks flankiert, in denen Orangenbäume wuchsen und Springbrunnen sprudelten - und das, obwohl es bereits weit und breit keine (bewohnten) Häuser mehr gab. Etwas, was uns auch schon auf der Fahrt nach Marrakech aufgefallen war ist, dass es tausende von nicht fertiggebauten Häusern und sogar nur angefangene, grosse Hotelkomplexen gibt. Komisch, dass die soviel Geld für Bauten verschwenden, die sie nie fertigstellen und dann verkommen lassen. Es fehlt dort einfach (noch) an Organisation.

Auf halben Wege befiel mich eine Durchfallattacke. Irgendwo einen intimen Platz zu finden um sich des Darminhalts zu entledigen war wirklich schwer, denn in Marroko gibt es ÜBERALL Menschen, was mir aber zunehmend egaler wurde bis ich schliesslich einfach irgendwo rechts ran fuhr.
In Imlil (1700m) mieteten wir einen Esel mit Führer (Mohammed, ca. 11).

Wir trennten uns von Dani und Angels und gingen um etwa 13.00 uhr los in Richtung Berghütte. Der Esel trug nur Lisas sachen.
Ich war der Meinung, dass es keinen "merito" hätte, das Gepäck von einem Esel schleppen zu lassen und wollte meinen Rucksack selbst tragen, was in Imlil niemand nachvollziehen konnte - war doch der Esel für Lisas Kram bereits bezahlt und nur halb beladen.
An einer Flussquerung mussten wir uns die Schuhe ausziehen, da das eiskalte Schmelzwasser stellenweise knietief war. Au, wie pieksten mir während jener 20 Minuten die Steine in die Füsse. Auf 2300m gab es noch eine Art Dorf, in dem wir uns stärkten. Der Rhytmus, den Mohammed und sein Esel vorlegten war mörderisch, doch weiter gings.In Sichtweite zur Berghütte, auf 3207m gelegen, liess uns Mohammed allein, da sein Esel nicht die vor uns liegende Schneezunge überqueren konnte.
Wir verabredeten uns für Donnestagmittag für den Abstieg mit ihm und schenkten ihm noch 2 T-shirts. Etwa 45 Minuten später waren wir total erschöpft an der Hütte. Der erste, den wir sahen war Ferran. Die Hütte war völlig überfüllt, hauptsächlich mit Katalanen und Spaniern. Auch ein paar Deutsche und sogar zwei Schweden warenda. Ausser des Hüttenpersonals habe ich keinen Marrokaner gesehen. Ich weiss nicht, wie viele Menschen dort waren aber 200 würde mich keinesfalls wundern. Abendessen gab es in drei Schichten. Wir assen von 19.30 uhr bis 20.30 uhr. Dann bereiteten Lisa und ich den Rucksack für den Folgetag vor, an dem wir auf den Toubkal wollten und gingen "schlafen". Ich hatte neben des Durchfalls, mittlerweile starke Kopfschmerzen, die ich auf den viel zu schnellen,und für mich mit Rucksack sehr sehr anstrengenden Aufstieg zur doch bereits relativ hoch gelegenen Hütte zurückführe.
Wir schliefen mit 15 Personen auf Platz für 10. in einem Raum mit insgesamt 60 Menschen. Zu meiner Linken lag Lisa, zu meiner Rechten ein schnarchender mir unbekannter. Der mir zur Verfügung stehende Platz reichte nicht dafür aus, mich auf den Rücken zu drehen, da ich selbst auf der Seite liegend sowohl Körperkontakt mit Lisa, als auch mit dem anderen Herren hatte. Unsere Daunenschlafsäcke für Temperaturen bis -15ºC taten absolut nicht Not. Ich lag dort nackt, nur in Unterhose und es war viel zu heiss zum Schlafen. Ich hatte Kopfschmerzen, ständig Durst und der Typ neben mir schnarchte. Und jedesmal, wenn er sich bewegte stiess er mich woanders an. Auch Lisa schlief nicht, da ihre Nebenfrau nicht aufhörte sich zu bewegen.
Um 1.00 uhr nachts klingelte der erste Wecker und die 3 zu meiner Rechten standen auf. Endlich! Ab nun schlief ich ein bisschen, jedoch immer nur halbwegs, wobei ich seltsame Halb-und Halbträume hatte. Und Kopfschmerzen.
Um 5.00 standen Ferran und die Anderen auf und fragten uns, ob wir mit ihnen mitwollten. Lisa und ich konnten wirklich nicht. Sie gingen ohne uns. Ab nun klingelten ständig irgendwelche Wecker und es wurde geraschelt.
Lisa und ich standen um 8.30 auf - als letzte von allen die auf den Toubkal wollten. Wir frühstückten unter anderem Aspirin und fragten den Hüttenchef Ismael ob es zu spät für den Aufstieg sei. -Nein, jetzt ist es gerade richtig! Na los!
Erst um etwa 10.00 uhr stapften wir im Schnee. Direkt ab der Hütte mit Steigeisen. Aspirin wirkt Wunder.Es ging sofort mit einem langen, unmenschlichen Anstieg los, für den wir etwa 1,5 - 2 Stunden brauchten, währenddessen wir aber etwa die Hälfte an Höhenmetern schafften.
Je weiter wir aufstiegen, desto windiger wurde es. Dann eine Ebene und ein weiterer Anstieg der uns wiederrum zu einer Ebene brachte, an deren Ende ein kurzer, steiler Anstieg zu einem Sattel führte, von dem aus nach links der 4167m hohe Toubkal abgeht und nach rechts der 4080m hohe kleine Toubkal.
Während des Aufstiegs zum Sattel, wo ich das erste mal die Höhe merkte, kam uns neben einer etwa 20 köpfigen Katalanengruppe auch die Gruppe um Ferran entgegen.
Sie alle hatten den Toubkal bestiegen, zwei von ihnen sogar ausserdem den kleinen Toubkal. Und jetzt wir, na los, die letzten Meter!Lisa war schon etwa 200 m weiter unten zum Auswechseln (sehr viel besser war ich auch nicht drauf), quälte sich aber trotzdem weiter, denn der Berg war vor uns, es schienen nur noch 20 Minuten (von mir geschätzt) zu fehlen, einfach nur noch da hoch und gut ist. Da wir vom Sattel aus nur noch Steine und aber gar keinen Schnee ausmachen konnten, schnallten wir die Steigeisen ab und liessen sie mitsamt des Rucksacks dort.
Natürlich nicht, ohne uns vorher warm und möglichst winddicht angezogen zu haben und die Taschen mit Müsliriegeln vollzustopfen.

Ab hier stelle man sich bitte einen so starken pfeiffenden und kalten Wind vor, dass man sich gegen seine Böen lehnen kann und während dieser nicht weitergeht, sondern pausiert bis sie vorüber sind, damit sie einem nicht auf dem "linken Fuss" erwischen und umwerfen. Das mit dem Umwerfen meine ich durchaus ernst.
-pfeiffender, kalter, lauter, starker Wind EIN-
Der eigentlich einfache Aufstieg war sooooo lang und elendig schwer. Und als wir oben ankamen, da sahen wir, dass wir immer noch nicht da waren. Nun gings noch weit geradeaus - zum glück mit weniger Steigung. Dann eine Kurve nach rechts und:
OH NEIN!!, noch ein Aufstieg. Und diesmal mit Schnee. Rechts ein steiles Gefälle nach oben, links ein tödlicher Abhang. Dazwischen ein Weg - schneebedeckt - eines halben Meters Breite. Zum Glück war der Schnee einigemassen weichgelatscht, so dass man auch ohne Steigeisen relativ gut Halt fand. Aber einmal Ausrutschen hätte da leicht äusserst fatale Folgen gehabt.
Das war mir eigentlich schon zu viel, denn ich will mit Lisa nichts Riskantes machen (so eine Art Schwur den ich nie schwor). Ich habe einfach nicht genügend grosse Eier in der Hose (ein spanischer Ausdruck für etwa: "Mut haben") um ihren Eltern sagen zu können, dass sie auf einem Berg verunglückte auf den ich sie schleppte.
Naja, wenn hoch problematisch ist bleibt da immer noch der wesentlich problematischere Abstieg. Aber mittlerweile hatten wir diesen etwa 200m langen Schneeweg fast hinter uns. So sagte ich zu Lisa in einer der vielen windumböten Atempausen: "Wenn uns dies hier nun nicht direkt zum Gipfel führt, dann lassen wir's sein." Und sie sagte: "ja!"
Wiedermal ganz oben angekommen sahen wir, dass nun ein weiter (noch windigerer) Bogen fast ohne Anstieg nach rechts führte. Zwar sahen wir nicht das Gipfelkreuz (in Wirklichkeit isses eine Art Pyramide) aber es schien (diesmal wirklich) so, als würde ungefähr gar nichts mehr an Höhe fehlen und ungefähr ebensoviel an Weg.
Jedoch: das Ausgesprochene war ausgesprochen.
Hinter Lisa - der Gipfel-pfeiffender, kalter, lauter, starker Wind AUS-
Das mit den Sorgen wegen des Schneeweges dort hatte ich Lisa gar nicht gesagt, da ich, je weiter wir oben sind immer mehr zu vermeiden versuche sie nervös zu machen, denn prinzipiell halte ich sie eigentlich für zu nervös um solche Dinge tun zu können. Ihr fehlt diese Art von Filter, die dir mit genügend Konzentration erlaubt, die gleichen Dinge, die du in 2 Metern Höhe ohne Probleme machen kannst, auch in 70 Metern Höhe zu tun. Lisa kann das nicht, und das wissen wir von anderen Ausflügen her nur zu gut. Den Schneeweg hinunter ging ich ich mit dem Rücken voran um sie im Falle des Falles zu sehen und eventuell eingreifen zu können - wahrscheinlich eineutopische Idee.
Es ging natürlich alles gut. Sie rutschte erst dort aus, wo kein Schnee mehr lag und setzte sich auf den Popo.
Was ich ihr auch nicht sagte, das war eigentlich eine noch sehr viel sorgenvollere meiner Sorgen: Ich dachte, dass wir die letzten seien, von all den Menschen die an jenem Tag dort raufgingen. Und wenn den Letzten dort oben was passiert - und sei es bloss ein verstauchter Knöchel - dann kommt dort innerhalb von 13 Stunden niemand mehr hin. Dann muss man entweder den Verletzten auf 4100m allein lassen und Hilfe und warme Sachen holen (etwa 7 stunden während derer er dort erfriert) oder man übernachtet dort gemeinsam bei seeeehr kaltem wetter und erfriert oder man geht, wie auch immer, wieder runter. Auf jeden Fall ist man am Popo.
Während des Abstiegs kreuzten wir uns jedoch doch noch mit 2 Grüppchen, von denen ich jedoch annehme, dass die zweite nicht hochstieg.
Mit anderen Leuten in sichtweite wären wir die letzten Meter definitiv auch noch gegangen. Das ist mir klar. Wir haben das Kreuz nicht gesehen, aber hey, wir befanden uns auf 4150m. Mein
bisheriger Rekord lag bei 3404m (Aneto). Und Lisas bei 3355m (Monte Perdido).
Der Weg zur Hütte war schnell und simpel. und wir machten noch ein paar Fotos.


Die folgende Nacht schliefen wir super. Ich hörte keinen Wecker und kein Schnarchen und es war auch nicht mehr so voll in der Hütte, wodurch uns mehr Platz zugute kam und es weniger warm war. Um 5.00 uhr weckte Ferran uns, um uns zu fragen, ob wir mit auf den zweit- und dritthöchsten Gipfel des Atlas wollen ... neee, lieber noch schlafen und danach eine etwas kleinere Exkursion machen.
Wir gingen wieder erst um 10.00 uhr los, bei hervorragendem Wetter. Unser Ziel war, das von Imlil aus aufsteigende Tal, ind dem auch die Berghütte liegt, bis zum Ende zu einem Sattel aufzusteigen, der etwa auf 3700m liegt. Da wir um 14.00 uhr mit Mohammed verabredet waren, hatten wir keine Zeit zu verlieren.

Alles klappte problemlos, und etwa zwei Stunden später waren wir am Ziel angelangt.
Auf der anderen Seite des Sattels ging es sehr weit sehr steil hinab und es bot sich uns ein schöner, nicht fotografierter Ausblick
Äuf dem Rückweg zur Hütte trafen wir Ferran und die anderen, die erfolgreich den Ras und einen weiteren Gipfel bestiegen hatten. Somit hat Ferran nun mehr 4000er (3) als 3000er (1) gemacht. Als wir um 13.00 uhr an der Hütte ankamen wartete Mohammed bereits auf uns. Wir assen kurz etwas und machten uns an den Abstieg. Dieses Mal liess auch ich meinen Rucksack vom Esel tragen - natürlich nur, damit die Gewichtsverteilung auf des Tieres Rücken ausgeglichen ist. Weiter unten unterhielt ich mich auf englisch mit einem marrokanischen, sehr netten Touristen - ein Sportlehrer aus Casablanca - und später mit seiner 4 jährigen Tochter Fatimasala und seinem 6 jährigen Sohn. Mit denen jedoch auf französisch, obwohl ich kein Wort dieser Sprache spreche. Das geht aber trotzdem ein wenig, denn katalanisch ist dem Französischen äusserst ähnlich - und die beiden auf einem Esel reitenden Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir. Sehr nette, interessante und sehr gebildete Menschen waren das. Lisa sprach mit der 12 jährigen Tochter desselben Mannes. Das Mädchen spricht arabisch und berber als Muttersprachen, absolut fliessend französisch und wirklich gut englisch. Gut. Während des Abstiegs lössten sich Mohammeds Schuhe auf. Eine Sohle war bis zur Hälfte ab, und er musste sie sich mit einem Band festbinden. Armer Kerl - Rennt jeden Tag 8 Stunden in den Bergen rum und hat nicht mal halbwegs anständige Schuhe.An der Stelle, wo wir den mittlerweile seichteren Fluss queren mussten kam Elisabet in einen ganz besonderen Genuss.

Unten angekommen stellten wir Mohammed vor die Wahl sich zwischen 200 dirhams (ausgemacht waren 140) oder einem Paar fast neuer Trekkingschuhe (gehören Elisabet's Schwester) zu entscheiden. Natürlich waren die Schuhe die viel viel bessere Wahl aber er wusste nicht so Recht, was zu tun. Vielleicht aus Angst, dass seine Familie lieber Geld sehen möchte? Die anderen Führer sagten ihm jedoch "Schuhe Schuhe Schuhe Schuhe" und er tat das richtige. Als er sie anprobierte, da sah ich seine Socken und schenkte ihm zu seinen neuen Schuhen gleich noch ein Paar meiner Trekkingsocken dazu.
Er hat sie nötiger als ich.
Und eine Minute später kamen auch Dani und Angels mit meinem Auto von ihrer 800km Wüstenexkursion zurück.
Die Nacht verbrachten wir 4 in Imlil im selben Hotel wie Ferran und seine Leute. Übernachtung im Viererzimmer mit Luxusabendessen und Frühstück für 100 dirhams - da kann man nicht meckern.
Am nächsten Tag ging es weiter, langsam zurück in Richtung Spanien.
4 Comments:
ja Dirk der bleibt uns wohl dann noch
Genau wie Dir der Aneto! (Da will ich am 06.05. übrigens nochmal hin.)
Michel, falls Du das nochmal liest...habe gestern gelesen, dass es durchaus möglich ist, innerhalb von 6 Tagen sowohl den Gran Paradiso als auch den Montblanc zu machen. Der GP wird oft sowieso als Vorbereitung und Akklimatisierung für den MB gemacht. Da stiegen die am ersten Tag zur Hütte, blieben am nächsten Tag dort, machten am dritten den GP und gingen runter und fuhren nach Chamonix, gingen am 4. zu Goutier, am 5. auf den MB und am 6. zurück nach Chamonix. Lässt deine Flugbuchung das zu?
Was ist mit Marroko III oder kommt der nicht mehr. Tu mal was!
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