Raid
Wir trafen uns Freitag Abend am 31.03. Ich hatte meine Ausrüstung im Kofferraum und das Fahrrad auf dem Dach, ich sackte ihn ein, wir flanschten auch sein Farrad auf’s Auto und fuhren zunächst nach Calafell, wo seine Schwägerin eine Wohnung mit Blick auf’s Mittelmeer hat. Dort schliefen wir, um 6.00 standen wir auf und fuhren weiter nach Hospitalet dels Infants, wo der Raid um 9.00 starten sollte. Um 8.30 hatten wir ein briefing.
Uns wurden die nötigen Unterlagen und Utensilien gegeben. Als Utensilien waren das eine Landkarte der Zone, in der die verschiedenen Kontrollpunkte eingezeichnet waren, und zwei mit einer Nummer versehene Trikots. Wir wahren das Team Nr. 15 (von 27).
Der Raid sollte folgende Disziplinen beinhalten:
- 500m Laufen um das Feld erstmal ein wenig auseinanderzuziehen
- 5 km inline skaten
- 12 km Mountainbiken (450m bergauf)
- Bogenschiessen
- Klettern
- Urbane Orientierung in Vamdellós
- 8 km Bergwandern/laufen
- Abseilen
- 10 km Mountainbiken (erst steil bergauf, dann hunderte von Höhenmeter bergab)
- Bogenschiessen
- 6 km Kayaken
Eigentlich war statt einer der beiden Bogenschussübungen die Überquerung einer tibetanischen Brücke (gespannte Stahlseile) vorgesehen, doch selbige Installation desintegrierte sich am Vortage. Weitere Informationen zu diesem Thema erhielten wir nicht.
Alle anderen teams machten einen höllisch professionellen Eindruck. Teilweise wurden sie gesponsort und hatten regelrecht Uniformen an, die gleichen Fahrräder (alle mit Scheibenbremsen), und eine Miniwerkstatt im VW-Bus...oh oh.
Ausserdem machten mir eigentlich alle Disziplinen Angst, bis auf das Rollschuhfahren. Jose sah das genau andersrum.
So schob ich ihn nach kurzem Warmlaufen erstmal 5km vor mir her, was nach 20 Minuten durchaus anstrengend war. Nach 5 Jahren mal wieder mit dem Fahrrad zu fahren zwar auch anstrengend, aber langsamer als die Anderen war ich zunächst nicht. Beim Bogenschiessen schoss ich, wie zu erwarten war, zweimal knapp daneben (von zwei Versuchen).
Die lange Wartezeit beim Schiessen (wo die Teams sich zunächst wieder zusammenstauten) hatte zu folge, dass nach dieser Prüfung jeweils etwa 3 Minuten Zeit zwischen den einzelnen Teams lag.
Bei der Einfahrt in den kleinen Canyon, wo geklettert werden sollte, verirrten wir uns zur Abwechslung mal nicht, wodurch wir glatt zwei oder drei teams überholten. Klettern musste nur einer pro Team, das machte Jose. Wozu war er schliesslich 5 Jahre lang (!!) bei den Bergjägern? Und das in einem Staat in dem es seit Jahren keinen Wehrdienst gibt!
...und er machte das auch wirklich gut.
Ab da ging’s bis Vandellós höllisch steil aufwärts, stellenweise trugen wir die Fahrräder. Das soll nicht heissen, dass es nicht ab und zu auch mal so steil bergab ging, dass wir uns nicht trauten hinunterzufahren. Und da lagen teilweise echt dicke Brocken im Weg.
Um 11.30 kamen wir in Vandellós an. Nun mussten wir laufend mit einem Stadtplan versehen 8 Stationen im Dorf abklappern, die netterweise alle dreidimensionalen Extrempunkte beinhalteten: Vom Zentrum aus bergab nach Süden, hoch auf einen Berg im Osten, runter auf der anderen Seite, wieder hoch und runter und ganz nach Westen, dann zum Wasserturm am höchsten Punkt des Dorfes im Norden und wieder runter ins Zentrum.
Ab da wäre ich durchaus bereit gewesen zu Sterben, wenn dieser Tag doch bloss endlich zuende ginge.
Aber zunächst kam das Bergwandern, das Jose gerne laufend absolviert hätte. Ich auch, jedoch tat mir zu sehr die Lunge weh, und ich konnte nur flach atmen. Die Route hatte sich ein Sadist ausgedacht. Erst erbärmlich steil bergauf (hier pausierte ich zweimal) dann bergab um wieder bergauf zu steigen, usw.
Und weil uns das so gut gefiel nahmen wir nicht den direkten Weg zur Abseilprobe hinauf, sondern stiegen woanders ab, um etwa 1,5 Stunden lang eine grosse Runde ganz woanders lang zu gehen, bevor wir um so mehr zur Probe aufzusteigen hatten. Ich hatte schon keine Energie mehr um auf die Karte zu gucken und lief lediglich Jose hinterher, genau wie die Lämmer, die fröhlich gehorsam der Reihe nach zum Schlachter rennen. Auch die Knie (besonders das rechte) taten mir nun weh, was mich in Anbetracht der Lungenschmerzen jedoch nicht weiter beunruhigte.
Bei der Abseilprobe erfuhren wir, dass drei teams bereits wegen Überschreitung des Zeitlimits in Vandellós für die Bergwanderung eliminiert wurden.
Das Abseilen war schön. 40 Meter ging es runter – war leider viel zu schnell zuende. Nun ging’s zurück nach Vandellós, das wir unter uns ausmachen konnten. Das letzte Stück ging tierisch steil hinab – und uns kamen leidende Radfahrer entgegen, die genauso gekleidet waren wie wir... OH NEIN!!
Selbiger Aufstieg mit dem Rade, den ich schiebend absolvierte um ihn besser geniessen zu können und mit einer Reihe von Pausen garnierte, war das Schlimmste. Ich weiss nicht, wo ich den Stolz hernahm mich nicht heulend an den Wegesrand zu setzen. Schon bald liessen wir den Wasserturm tief unter uns (!). Und ab da ging es weiter hoch. Erst als wir dachten, dass es nun wieder hinabgeht sahen wir den Irrtum...fürchterlich, das.
All diese Qualen hatten zur Folge, dass es irgendwann tatsächlich bergab ging. Sehr viel sogar – und ich muss gestehen, dass das sehr spassig war. Doch selbst der kleinste Aufstieg zwischendurch zwang mich zum Schieben, denn das flache Atmen wegen der Lungenschmerzen erlaubte mir keine weiteren Exzesse.
Die ganze Abfahrt machten wir zusammen mit einem anderen Team (von den beiden litt einer genauso wie ich es tat, bloss dass er noch Kraft zum Fluchen hatte). Das war gut, denn so verirrten wir uns nur noch halb so oft. Nicht wegen des Fluchens, sondern weil es nun zwei Kartenleser gab. Irgendwann, ganz kurz vor Hospitalet, unserem Ziel überholten uns die Letzten, wodurch sie plötzlich gar nicht mehr die Letzten waren.
Als wir am Ausgangspunkt ankamen, erfuhren wir, dass das zweite Bogenschiessen und die Kayakdisziplin wegen des Windes gecancelt wurden, und man uns stattdessen Zeitstrafen zukommen liess. Da waren auch echte Wellen im Mittelmeer. Und ich muss sagen, dass mich das gar nicht weiter traurig machte, so nach mehr als 8,5 langen langen Stunden.
Letztendlich wurden wir 25. Jose hätte mit einem anderen Teamkollegen definitiv wesentlich mehr gerissen. Er ist echt eine Maschine.
Mein Resumen, zwei Tage später, ist, dass mein erster Raid wohl auch mein letzter war. Das ist was für echte Männer! Halt, unter den besseren Teams gab es auch wirklich gut aussehende Mädchen. Erstaunlich....wo nehmen diese jungen, fragilen Damen bloss diese Energie her?
Hector, mein Mitbewohner sagte mir, dass sie wahrscheinlich trainierten, und alles was ich täte sei „nicht zu rauchen“.
Training – frage ich mich – das wäre ja Schummeln. Und schummeln gildet nicht!
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