Sunday, May 28, 2006

Gran paradiso: 4061m

Der Gipfel mit Xavi und der Madonna
Der Gran Paradiso soll mit seinen 4061m einer der einfachsten 4000er der Alpen sein. Das mussten Xavi und ich nachprüfen. Am Mittwoch den 24.05. machten wir uns dafür auf den Weg. Ich holte ihn um kurz nach 9.00 ab, doch er war noch nicht angezogen, hatte seine Verpflegung noch nicht eingepackt, musste nochmal auf die Toilette, ... und angeblich alles nur, weil er zwei kleine Töchter hat (obwohl er vorher schon langsam war).
Dann fuhren wir los – zunächst zu einem Bergausrüstungsladen, in dem wir uns noch zwei Schneeverankerungen kauften (ein angespitztes Aluminiumrohr von etwa einem halben Meter Länge, das 32 € kostet, und das man sich laut Elisabet auch selbst aus einer IKEA-Gardinenstange zurechtschneiden könnte) und dann zum Hause Xavi’s Schwester, der er noch tschüss sagen wollte.
Und irgendwann, etwa gegen 11 Uhr, verliessen wir tatsächlich Terrassa und machten uns auf den Weg. Ich fuhr.
Es ging auf der Autobahn zunächst zum Grenzübergang „La Jonquera“, dann über Montpellier, Nimes und Orange nach Grenoble. Von hier aus fuhren wir nach Albertville, wo wir die Autobahn verliessen um über den St. Bernhard Pass nach Frankreich zu fahren. Dieser Pass stellte sich – entgegen der Behauptung eines zuvor konsultierten Tankstellenmitarbeiters – als geschlossen heraus, was uns vor die Wahl stellte, entweder eine sehr weite Runde auf der Autobahn zum Mont Blanc Tunnel zu nehmen, oder eine viel kürzere aber sicherlich auch schönere und leider auch lamsamere Bergstrasse.
Wir nahmen die Bergstrasse, was sich wegen zweier Baustellen und weiträumiger Umleitungen als Fehler raustellte. Doch wir näherten uns dem Tunnel unaufhaltsam. Und dann sahen wir den Montblanc wie er sich weiss, riesig und einfach majestetisch in das Sichtfeld zwängt.
Der Mont Blanc hinter Wolken
Kurz darauf fuhren wir durch den 11.600 Meter langen Tunnel (Hin- und Rückfahrt für 38 €) nach Italien. Nun ging es bergab in das Tal, dann kurz vor Aosta auf einem Abzweig in Richtung Gran Paradiso Nationalpark. In der sehr empfehlenswerten Pizzeria in Introd aassen wir gut und preiswert zu Abend. Die Eigentümerin sagte uns auch, dass die Wetteraussichten der nächsten Tage noch besser seien, als das derzeitige Traumwetter. Noch besser? Wir hatten den ganzen Tag lang nur blauen Himmel und keine Wolke gesehen.
Nach dem Essen fuhren wir noch etwa 5 Kilometer weiter und zelteten schliesslich auf einer Wiese neben einem Bergfluss.
Morgens fuhren wir dann die restlichen 10 Kilometer bis zu dem auf 2000m gelegenen Dorf Pont, wo wir frühstückten und das Auto auf dem Parplatz des Natiolpark liessen, gut bewacht von der dortigen webcam, deren Bilder Xavi bereits seit einer Woche observierte.

Ein vierbeiniges Wirbeltier vom Typ Pferd...

Nachdem auch Xavi seinen Rucksack fertig reorganisiert hatte, gingen wir los in Richtung Berghütte.

...das netterweise ein Foto von uns machte

Der Weg sollte eigentlich 3 Stunden dauern, doch nach nur 1,5 Stunden standen wir unverhoffterweise vor der auf 2700m gelegenen Hütte „Vittorio Emanuelle“.
Nachdem wir uns einquartiert hatten gingen wir erst den Beginn des Weges zum Gipfel erkunden und danach nutzten wir die Zeit, um uns etwas dem Thema Gletscherquerung zu widmen.

Refugio Vittorio Emanuelle (2714m)

Wir hatten ein etwa 30 Meter langes Seil dabei, um als Zweierseilschaft gehen zu können. Auch hatten wir neben des obligatorischen Eispickels jeder eine Eisschraube und eine Schneeverankerung, so dass wir uns zumindest theoretisch im Schnee oder Eis verankern konnten, im Falle, dass einer von uns in eine Gletscherspalte stürzt und der andere anstatt mitzufallen den Sturz aufhält. Jedoch mussten wir das zumindest semipraktisch ohne Gletscherspalte durchspielen.
Wir seilten uns im Abstand von etwa 12 Metern an und bereiteten 3 weitere Knoten für die Verankerungen vor, so dass wir im Falle des Falles keine Zeit für’s Knotenknoten verlieren zu bräuchten. Da die beiden übrigen Seilenden kürzer waren, als das 12 Meter lange Mittelstück, würde der gestürzte an eben jenem Mittelstück herausklettern müssen, weshalb wir darauf verzichteten dort Bremsknoten einzufügen, die den Aufstieg erschweren würden.
Ich hatte für einen eventuellen Aufstieg meine Höhlenapparate dabei, die mir erlauben total freihängend ein Seil hinaufzuklettern, während Xavi den Aufstieg irgendwie mit einem Abseilachter bewerkstelligen wollte. Da er jedoch nicht wusste wie, schnitt ich ihm von einer Schnur 3 Seilstücke ab, die ich zu Schlaufen knotete. Nun zeigte ich ihm wie man einen Brusick macht, einen sich unter Belastung selbst blockierenden Knoten, mit dessen Hilfe man ein Seil hochklettern kann. Das hatte mir Michel etwa dreieinhalb Jahre zuvor beigebracht, als wir zusammen den Aneto bezwangen.
Xavi und ich praktizierten den Ernstfall an einem Schneehang und waren nun zwar theoretisch darauf vorbereitet Verankerungen zu errichten und das Seil hinaufzuklettern, doch konnten wir den Gestürzten im Falle einer Verletzung oder Bewusstlosigkeit nicht von Aussen her retten.
Nunja, es sollte reichen. Wir würden ohnehin zusammen mit anderen Bergfreunden in Sichtweite gehen, die im Falle eines Unfalls zur Hilfe eilen würden.
Am nächsten Tag frühstückten wir um 4.30 Uhr morgens. Xavi musste noch seinen bereits am Vorabend gepackten Rucksack neupacken, auf Toillette gehen, sich an- und ausziehen und einige Male auf’s Zimmer zurück bevor wir um 5.15 Uhr zusammen mit etwa 10 Bergskifahrern aufbrachen.


Direkt ab der Hütte konnten wir mit Steigeisen gehen. Erst ging es durch das bereits am Vortag erkundete Tal in Richtung Gletscher. Kurz bevor wir dort ankamen wurden bereits die ersten hinter uns gelegenen Berggipfel von der aufgehenden Sonne angeschienen. Der folgende Anstieg über den Gletscher war lang und monoton und ging in drei oder vier Etappen, unterbrochen von weniger steilen Stellen praktisch bis zum Gipfel hinauf. Die zweite Hälfte des Anstiegs seilten wir uns zusammen, wie das auch die meisten anderen Gruppen taten, obwohl der Gletscher wirklich nicht gefährlich schien. Um das Gehen in einer Seilschaft zu praktizieren war es aber sicherlich gar keine schlechte Idee. Die letzte halbe Stunde bevor wir zum Gipfel kamen schien auch an unserem Hang bereits die Sonne, und es wurde warm, was jedoch in einem angenehmen Gegensatz zur zuvor erlittenen Morgenkälte stand.

nach oben hin wurde es immer steiler

Man kommt nicht direkt bis ganz auf den Gipfel, sondern zunächst nur zu einer Scharte neben einem Felsturm. Ich hätte mich gern der Scharte genähert um die sich auf der anderen Seite befindliche steil abfallende Wand zu bestaunen, doch war das nicht möglich, da der Schnee einen Überhang gebildet hatte den logischerweise niemand zu betreten wagte. Ab der Scharte musste man zur Linken etwa 10 Meter steil und heikel ansteigen um auf den Grat, kurz vor den Gipfel zu gelangen. Da wir unter uns einen sehr sehr steilen und ebenso tiefen Abhang hatten, passten wir gut darauf auf, dass die Steigeisen guten Halt böten. Auf dem schmalen Grat staute sich nun der Verkehr. Leute die die letzten Meter zum Gipfel machen wollten, andere die vom Gipfel hinab wollten ... ein stressiges Durcheinander in etwa 4058m Höhe.
Xavi und ich reihten uns in die Warteschlange ein und bewunderten währenddessen das Panorama.

Um uns herum waren überall Schneegipfel. Wir sahen den Montblanc und konnten in der Ferne sogar das Matterhorn ausmachen, doch in unserer Warteschlange ging es nicht richtig voran.

Das Matterhorn und links eine der Gizeh-Pyramiden

oben

Man musste die zur Rechten hunderte von Metern abfallende Wand ein kurzes Stück flankieren um zur Madonna auf dem Gipfel zu gelangen, und die Menschen sicherten sich dafür an einem Seil. Doch uns war nicht klar, ob es sich um ein fixes Seil handelte, oder ob es dort nur fixe Verankerungen gab, in die man sein eigenes Seil installieren musste. Als wir nach 20 Minuten immer noch nicht näher waren und wegen der die Sicht versperrenden Köpfe noch keinen genauen Blick hatten erhaschen können, entschlossen wir uns, umzukehren und den Abstieg zu beginnen – nun ohne das Seil zu benutzen. Mittlerweile war es 10.15 Uhr und wir hatten bereits eine Stunde auf dem Gipfel verloren. Durch die Hitze des Bombenwetters würde der Schnee nicht besser werden.

ein riesiger Eisberg

Auto, Xavi, Mt. Blanc

Ohne weitere Probleme kamen wir etwa um 12.15 Uhr schweissgebadet an der Hütte an. Uns ging es total super, so dass wir den Abstieg nach Pont beschlossen um später noch ein paar Kilometer Richtung Spanien zu fahren. So kamen wir nocheinmal am Mont Blanc vorbei und hielten auf einem Parplatz an, um ihn etwas genauer zu bestaunen. Wir sahen links die „Aguja du Midi“ und etwas weiter rechts einen absolut zerklüfteten Gletscher, der fast auf unserer Höhe begann und bis zum Gipfel raufzureichen schien.

links die Aguille du Midi, in der Mitte der Mt. Maudit...

...und rechts der Mt.Blanc

Um 3 Uhr nachts war ich in Manresa, nachdem ich Xavi eine halbe Stunde vorher in Terrassa abgeliefert hatte. Was für ein Tag: 1000m hoch, 2000m runter und 900km Fahrt. Wenn ich erstmal Auto fahre, dann werde ich so schnell nicht müde. Und bevor Xavi sich des Schlafes widmete, hatte er mich auch mit Konversation wachgehalten.

Man könnte den Gran Paradiso von Barcelona aus tatsächlich an einem Wochenende machen, wenn man hier morgens um 9 losführe und noch am Hinreisetag die 1,5 Stunden zur Berghütte hinaufginge. Muss ja aber nicht.
Auch Xavi ist nun übrigens meiner Meinung: Ich habe ein wirklich geiles Auto. Es hat nicht einmal gemuckt und dabei fast 1900km zurückgelegt.

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